Leben neben der Zeit – warum wir den natürlichen Zyklen ständig voraus und hinterher laufen

Eine meiner gefühlt wertvollsten Erkenntnisse in der jüngeren Vergangenheit ist, dass wir modernen Menschen einem Zeitrhythmus folgen, der abseits der natürlichen Rhythmen liegt.

Während der längsten Zeitspanne unserer entwicklungsgeschichtlichen Existenz auf diesem Planeten wurde unser Tages- und Jahres- und damit der gesamte Lebens-Rhythmus von uns Menschen einzig durch das Verhältnis von Erde, Sonne und Mond bestimmt. Aus diesem ergeben sich zwei seit jeher dominierende, natürliche Zeiteinheiten: Das Sonnenjahr und der Sonnentag.

Alles auf der Erde, in unserem Sonnensystem und vermutlich im gesamten Universum unterliegt bestimmten, regelmäßigen Zyklen. Diese Zyklen ergeben sich zum einen daraus, dass ein oder mehrere Himmelsobjekte jeweils um ein anderes Himmelsobjekt, einen Stern, „kreisen“ – in unserem Fall die Erde (und der Mond) um die Sonne. Eine solche Umkreisung, besser gesagt ein solcher Umlauf, wird als ein Jahr, genauer gesagt ein Sonnenjahr bezeichnet.

Unser Kalenderjahr, mit 365 Tagen und alle vier Jahre 366 Tagen (Schaltjahr), orientiert sich an diesem Sonnenjahr, das, je nach Betrachtungsweise leicht variierend, etwa 365 1/4 Tage dauert. Aus diesem kleinen Unterschied ergibt sich das zum Anpassen notwendige kalendarische Schaltjahr, für das noch weitere Schaltregelungen bestehen.

Und damit komme ich zu den ersten schiefen gesellschaftlichen Zeitvorgaben, denen wir unterliegen: Dem alljährlichen Beginn dieses Jahres, also dem kalendarischen Neujahr, sowie der kalendarischen Festlegung der vier Jahreszeiten.

Unser Jahresbeginn ist zu früh, unser Frühlingsbeginn zu spät

Auch wenn die bis heute weltweit gültige, im Jahre 1582 von Pabst Gregor XIII eingeführte Kalenderreform dafür gesorgt hat, dass das Kalenderjahr nun besser mit den astronomischen Gegebenheiten übereinstimmt (was für die Kirche bedeutend war, um das Osterfest zuverlässig und einheitlich zu datieren), es bleibt ein Problem:

Hast du dich nicht auch schon einmal gefragt, warum wir den Beginn eines neuen Jahres mitten im Winter feiern? Die Festlegung des Jahresbeginns ist willkürlich, bzw. kann sie verschiedentlich begründet werden. Der Start unseres Jahres am 01. Januar, im Winter, ist motiviert u.a. durch die Nähe zur Wintersonnenwende und zum Weihnachtsfest. Wir beginnen unser Jahr am 01. Januar und beenden es am 31. Dezember, weil ein Aristokrat und kirchlicher Herrscher das vor einigen hundert Jahren so festgelegt hat.

Viel sinniger und stimmiger wäre ein Jahresbeginn, der mit dem Frühlingsanfang einhergeht. Der Winter ist die Zeit der Ruhe, des Stillstandes, des Rückzugs, der inneren Einkehr. Der Frühling ist die Jahreszeit, in der „das Leben neu erwacht“. Fängt man ein neues Jahr am besten in einer Zeit der Starrheit und des Schlafes an, oder in einer Zeit des Erwachens und Erblühens?!

Wie schaut es aber mit der Stimmigkeit der kalendarisch festgelegten Jahreszeiten aus? Dazu führen wir uns kurz die vier markanten natürlichen, astronomischen Zeitpunkte im Laufe eines jeden Sonnenjahres vor Augen; hier für die Nordhalbkugel der Erde: Die Wintersonnenwende (Wintersolstitium, am 21. oder 22. Dezember; „Solstitium“=“Stillstand der Sonne“), dem gegenüberliegend die Sommersonnenwende (Sommersolstitium, am 20., 21. oder 22. Juni). Jeweils genau zwischen diesen Sonnen“wende“punkten liegen die Tag-und-Nacht-Gleichen (Äquinoktien). Zu diesen Zeitpunkten überquert die Sonne den Himmelsäquator – bei der Frühlings-Tagundnachtgleiche (auch: Frühlingspunkt, 20./21. März) von Süden im Winter nach Norden im Sommer, bei der Herbst-Tagundnachtgleiche (22./23. September) von Norden nach Süden.

Warum teilen diese Zeitpunkte das Jahr auf natürliche Art ein? Der Tag der Wintersonnenwende im Dezember ist der kürzeste Tag des Jahres, an diesem Tag erreicht die Sonne in ihrem Jahresverlauf ihre geringste Höhe über dem Horizont. (Womit auch die Intensität der Sonneneinstrahlung am geringsten ist, Sonnenhöhe und Strahlungsintensität hängen mit dem Neigungswinkel der Erde zur Ekliptikebene zusammen) Danach werden die Tage, bis zur Sommersonnenwende, immer ein wenig länger. Am Tag der Sommersonnenwende, dem längsten Tag des Jahres, erreicht die Sonne ihren mittäglichen Höchststand, von da an werden die Tage Tag für Tag wieder ein paar Minuten kürzer. Und immer sehr gleichmäßig so fort.

Der wahre, alte Sonnenkalender

Eine sinnvolle und zuverlässige Bestimmungsart für die Jahreszeiten ist entsprechend die Helligkeit und die Tageslänge: Der Sommer ist die Jahreszeit der längsten und hellsten Tage (und der intensivsten Einstrahlung), die Jahreszeit des Lichts. Der Winter ist die Jahreszeit der kürzesten Tage und des geringsten Lichts. Dazwischen liegen, mit zunehmender bzw. abnehmender Helligkeit und Tageslänge Frühling und Herbst.

Auf Grundlage dieser überzeugenden, augenfälligen Annahme ist es nicht korrekt, den kürzesten Tag des Jahres als Beginn der dunkelsten Jahreszeit Winter zu sehen, und den längsten Tag des Jahres als Beginn der hellsten Jahreszeit Sommer. Vielmehr sind die Sonnenwendtage die logischen Mitten/Höhepunkte dieser Jahreszeiten! Entsprechendes gilt für die Äquinoktien als Höhe- oder Mittelpunkte der Übergangsjahreszeiten, des Frühlings und des Herbstes.

Verteilen wir die vier abgrenzbaren Jahreszeiten unserer Breitengrade entsprechend gleichmäßig auf das Jahr ergeben sich folgende 3-monatige Zeiträume (plus/minus Daten für die verschiedenen Jahre):

Frühlingsbeginn: 04. Februar (Frühlingsmitte 20. März)

Sommerbeginn: 05. Mai (Sommermitte 21. Juni)

Herbstbeginn: 07. August (Herbstmitte 22. September)

Winterbeginn: 07. November (Wintermitte 21. Dezember)

Das ist der korrekte Sonnenkalender. Wenn wir diese eigentlich sehr simple Einsicht gefasst haben, wird deutlich, dass wir mit der geltenden Festlegung der Jahreszeiten den tatsächlichen Jahreszeiten stets um etwa 6 Wochen hinterher stolpern.

Achte in Zukunft doch einmal darauf, welche Anzeichen du in der Natur, in deinem Leben und bei dir selbst zu den jeweiligen Zeitpunkten beobachten kannst. Hast du nicht auch schon oft den Eindruck gehabt, dass der Winter im November längst Einzug gehalten hat (und nicht erst am 21. Dezember), oder der Frühling bereits im Februar seine ersten zarten Äußerungen tut, und nicht erst am 20. März?! Nimm diese Beobachtungen ruhig ernst. Sie sind richtig. :)

Die Temperatur oder Niederschlagsarten wie Schneefall sind als meteorologische und klimatische Faktoren zwar für regionale Unterschiede und Besonderheiten hinsichtlich des Ablaufs der Jahreszeiten von Bedeutung (siehe auch Phänologische Jahreszeiten), sie sind aber keine primären Faktoren, sondern eine (oft zeitversetzte) Folge der globalen Sonneneinstrahlung im Zusammenwirken mit geografischen Gegebenheiten.

Der oben vorgestellte Sonnenkalender ist die konstanteste, allgemeingültige Kalenderart. Sozusagen der Primärkalender.

Alte Kulturen ergänzten den Sonnenkalender um einen an den Mondzyklen orientierten Mondkalender. Die Sonne steht einem alten Verständnis nach dabei für das männliche Prinzip, der Mond für das weibliche. Demnach wurde der Beginn der Jahreszeiten auf den Tag des ersten Neumondes gelegt, nachdem die Sonne in das entsprechende Tierkreiszeichen eingezogen ist. (Die Start-Tierkreiszeichen sind für Winter: Skorpion, Frühling: Wassermann, Sommer: Stier, Herbst: Löwe)

China hat zwar ebenfalls den westlichen, gregorianischen Kalender übernommen, nutzt aber für seine Feiertage und weitere traditionelle Anlässe nach wie vor seinen alten Sonnen-Mond-Kalender (Lunisolarkalender). Der chinesische Neujahrstag (auch Mondneujahr genannt) fällt demnach auf den ersten Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar. Dieses Jahr (2017) war es der 28. Januar. An diesem Tag feierten die Chinesen sowohl den Beginn eines neuen Jahres als auch den Frühlingsbeginn, und stehen damit in bestem Kontakt zu den tatsächlichen kosmischen Zyklen.

Auf den Seiten des Astrologen Robert Tkoch sind seine Erklärungen zum Sonnenkalender und viele weitere wunderbare philosophische Texte (auf Englisch) nachzulesen.

Mittag um 13:37 Uhr

Der zweite wesentliche natürliche Zyklus ist der Sonnentag. Dieser dauert von einem Sonnenhöchststand bis zum nächsten, und wird hervorgerufen durch die Erdrotation. Dass wir auch bei dieser natürlichen Zeiteinheit vor allem in der Sommerzeit daneben liegen, ist noch leichter verständlich:

Mittag, High Noon, wenn die Sonne „in ihrem Zenit“ steht, halbiert den lichten Tag und müsste daher genau genommen immer auf 12:00 Uhr fallen. Da wir aber die Uhrzeiten einheitlich und über größere Gebiete hinweg vereinbart haben, schwankt die Uhrzeit des „wahren Mittags“ je nach Längengrad (Zeitzone) und Jahreszeit um 12 Uhr herum. Und wenn wir, wie in der Sommerzeit, die Uhr auch noch zusätzlich zur „normalen“ Zeitzone eine Stunde vor stellen, weicht unsere künstliche Uhrzeit vom wahren Mittag (dem sich täglich leicht verändernden Sonnenhöchststand), natürlich noch stärker ab.

Wir stellen fest: Unsere künstlichen Rhythmus-Diktierer – Kalender, Jahreszeitenfestlegung und Uhrzeit – sind mehr oder weniger schlecht abgestimmt auf die natürlichen, vor allem durch den Sonnentag und das Sonnenjahr gegebenen Rhythmen.

Ist das von Bedeutung? Meiner Meinung nach ja. Selbst wer sich nicht mit philosophischen oder esoterischen Erwägungen abgeben möchte –  unser Organismus, jede einzelne unserer 100 Billionen Körperzellen, hat sich letztlich über Jahrmilliarden unter Einwirkung dieser natürlichen, kosmischen Zyklen entwickelt und angepasst.

Wenn wir nun, seit relativ kurzer Zeit, diesen Rhythmus durchgängig missachten und an ihm vorbei leben, sind dadurch zumindest mit-bedingte funktionelle und organische Störungen, Fehlfunktionen, Krankheit und Missbefinden auf unterschiedlichen Ebenen sicherlich nicht auszuschließen.

Wissen wir aber nun um die wahren Zyklen und Rhythmen des Lebens, können wir unser Leben (Entscheidungen, alltägliche Handlungen, besondere Veränderungen etc.) an diese anpassen. Auch innerhalb des uns vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmens. :-)

 

 

 

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